02 /Vignette /03.08.2026

Blues am Montag

Montage sind selten die Freuden von uns allen, doch Hans trifft es besonders hart, wenn die Realität im Fokus liegt und es ihm einmal mehr verunmöglicht, Schönheiten am Wegesrand zu erkennen.

Montagmorgen. Nieselregen, kleine Pfützen am Bordstein entlang. Die letzten Vögel sind noch zu hören, aber das Donnern der Lastwagen, Autos, Motorräder und die schreienden Kinder auf dem Weg in die Schule verunmöglichen, den Gesang dieser kleinen Geschöpfe zu hören.

Es ist deprimierend. «Ihr gottverdammten Scheisskreaturen! Den letzten Rest Schönheit kriegt ihr zerstört!», zumindest so würde ich es gerne rausschreien. Mein lieber Arbeitgeber hat es mir verboten, mich in der Öffentlichkeit wie der letzte Vollidiot zu benehmen, solange ich mit den Arbeitskleidern und somit angeschrieben unterwegs bin.

«Aber Hans, du dich einfach hier umziehen?», ich hörte Jarko bereits wieder mit seiner üblichen Frage. «Nein mein Lieber, wenn ich meine Klamotten sparen will, dann geh ich in Arbeitskleidung nach Hause und komm wieder hierher.», woraufhin ich ein Schulterzucken und Kopfschütteln ernten würde und dann Jarkos Rückansicht betrachte, während sich dieser zu seiner Linie begibt.

Der Junge ist nett, begabt mit seinen Händen, aber er ist Aas. Geschlachtet und liegengelassen, als Rest für irgendwelche üblen Geier, die noch die letzten Tropfen aus ihm saugen. Er spricht unsere Sprache nicht perfekt, verstehen wird er vermutlich nur die Hälfte. Dafür haben sie ihn beim Gemüsebauern mit den Zimmern übers Ohr gehauen und hier werden sie seinen Verdienst so gedrückt haben, dass er vermutlich mit betteln weiterkommen würde. Aber noch immer besser als zuhause im Ostblock, wenn man ihm Glauben schenken möchte.

«Ich mit Lastwagen bis nach Narwa gefahren und ich erst 18 gewesen!», hatte mir Jarko erst letztens erklärt. Narwa, klingt irgendwie erfunden. Vermutlich irgendein scheiss Kaff in der russischen Tundra, wo Bruder und Schwester übereinander herfallen, weils sonst nur Rentiere zu vögeln gäbe.

Es ist kaum zum Aushalten mit uns Menschen. Wir behandeln uns gegenseitig wie der letzte Dreck, beuten uns aus und das alles nur, damit irgendwelche Fettwänste noch fetter werden auf Kosten uns allen. Vor allem Menschen wie mir. Abschaum, versoffenes Pack, Verlierer, die letzte Stufe vor der endgültigen Degeneration.

«Was ich mir schon alles anhören musste…» wetterte ich in mich hinein. «Aber ich verstehs trotzdem nicht Jarko!», schrie ich über den Maschinenlärm hinweg. «Du kannst eigentlich so viel. Weshalb mühst du dich hier in dem Scheissloch ab?! Es gibt hier keine Chance auf Sonnenschein. Nur Arschgeigen wie mich oder unseren Führer an der Linie!».

Ich konnte es kaum aushalten mit Mike. Er wäre irgendwie unterhaltsam, würde seine deutsche Fresse nicht permanent alles besser wissen. «Fick dich mein Führer!», schreie ich innerlich, während ich mir die Marschkapelle vorstellte, in der er als kleiner Junge spielen musste.

Der Tag war scheisse und noch nicht mal zu Ende.

«Ach fickt euch doch alle…», schrie ich aus vollem Rohr, als mir der Seitenschneider abrutscht, «…ich wollte doch nur Vögel hören!»