Licht am Ende des Tunnels
Hans steckt tief in der Scheisse. Stefanias Vermieter braucht eine Abreibung und Hans bietet sich an. Doch das Leben spielt anders als man meint.
Der Trenchcoat hatte schon bessere Tage. Wahrlich kein elegantes Modestück mehr. Vielmehr ein verlumptes Detail an einem verlumpten Mann. Doch spielt es eine Rolle wie ich aussehe? Eigentlich schon, wenn ich nicht bis in meine alten Tage ganz allein sein möchte. Denn auch in der Damenwelt isst das Auge mit und sind wir ehrlich, der Fokus auf rein innere Werte ist doch verdammter Schwachsinn. Doch was will ich. Mir fehlt die Knete um einen neuen zu kaufen und weshalb sollte ich auch? Der hier tut seinen Zweck. Er versteckt meine Wampe zuverlässig und ich könnte eine Schrotflinte darunter tragen und würde unbemerkt in der Stadtverwaltung damit ein- und ausgehen können.
«Haha!» ich musste unweigerlich laut rauslachen. «Ja sorry, wenn du wüsstest was in meinem Kopf vorgeht… …du alte Schrulle!» murmle ich noch vor mich hin als ich an der alten Dame an der Bushaltestelle vorbeigehe. Soll auch nicht so doof gucken, nur weil ich meinen Spass mit mir selbst habe.
Aber so sind die Menschen. Alle halten sich dem Nächsten für überlegen. Perfekt. Nur nicht ausscheren. Nur nicht auffallen. Nur nicht anecken. Verlogene Drecksäcke. Jeder hat eine Leiche im Keller. Jeder hatte den Gedanken seine Nachbarin zu ficken. Dem Gärtner die Leiter einfach umzustossen, wenn er darauf am arbeiten ist. Dem Polizisten hinterrücks die Waffe aus dem Holster zu ziehen und wild in die Luft zu schiessen. Im Bus jemandem einfach ins Gesicht zu spucken, weil er die falsche Farbe trägt und es scheisse aussieht, oder weil die Person einfach scheisse aussieht. Jemandem im Laden ein Deo zu kaufen, weil die Person zum kotzen stinkt. Des Nachbarn Hund einen Stein nachzuwerfen, weil die verfickte Töle immer rumbellt. Einem Kind das Eis zu stehlen. Eine Oma vor den Bus rempeln. An der Kinokasse vordrängeln. Im Park zu wixen.
Aber sie sind ja alle zu verhalten, zu perfekt in ihrer kleinen Scheinwelt. Unglaublich wie verlogen wir doch sind.
Gedankenverloren bemerke ich nicht, wie sich vor mir ein Schatten auftut.
«Augen auf beim Verkehr mein Lieber.»
Und da steht sie, mit ihrem grossen Busen, ihrer warmen Art und einem Lächeln das so aussieht, wie es riecht: Nach Zigaretten und Schnaps.
«Hi Stefania. Hab dich fast nicht gerochen.»
«Charmant wie immer, Hans. Komm bitte rein, ich muss mit dir reden.»
Ich folge ihr. Sie hat meinen insgeheimen Wunsch nach vollständiger Betäubung meiner Aussenwelt offenbar insofern falsch verstanden, dass nämlich «reden» kein Bestandteil davon ist. Aber was solls. Gegen ihren Charme und Zapfhahn bin ich machtlos.
«Hat dich Oskar angerufen?», fragt mich Stefania, während sie mit leerem Blick den automatischen Bewegungen ihrer Hände folgt, die das Glas herunternehmen, an den Hahn anlegen und den Bierfluss regulieren. Wie immer mit perfekter Krone. Ich hätt ja lieber ohne Krone, da hätten nämlich noch zwei Schlücke mehr Platz im Glas.
«Mhm, hat er. Aber ich hab in der Hälfte aufgelegt. Du weisst wie er ist. Theatralisch, jammernd, sieht immer nur das Schlechte in allem und jedem. Das hat meine Schmetterlinge vertrieben und mich depressiv gestimmt. Deshalb musste ich mir danach einen Schluck gönnen und mich davon abhalten aus meinem Küchenfenster zu springen.»
«Lass das Hans. Es ist ernst. Oskar hat geweint wie ein kleines Kind, als ich es ihm erzählt hatte. Sogar seine Frau hat Bestürzung gezeigt. Und du weisst wie sie ist. Emotionen scheinen bei ihr auf dem Weg aus der Kindheit heraus vermutlich weggeprügelt worden zu sein.»
«Die Hexe war hier? Bin ich froh muss ich hin und wieder arbeiten. Ansonsten hätte ich aus lauter Notwehr ihr das Stuhlbein in den Arsch schieben müssen.»
«HANS! Verdammt nochmal! Es geht den Bach runter! Meine ganze verfickte Existenz, du Arschloch! Und alles was du dazu zu sagen hast, sind deine dämlichen Sprüche, die einfach nicht witzig sind und unter aller Sau! Dir sagt das nur niemand, weil alle irgendwie Angst vor deinen Ausbrüchen haben. Doch dabei bist du wie ein Hund der bellt. Du beisst nie! Also bitte! Sei für einmal ernsthaft bei der Sache. Mir fehlt Kohle. Meine Pacht kann ich seit längerem kaum noch aufbringen und das dritte Ultimatum verstreicht und ist diesmal fix.»
«Red nie wieder so mit mir Stefania. Ich hab dich in der Vergangenheit nie hängen lassen. Das weisst du. Wie oft hab ich dich halb totgeprügelt von deinem scheiss Lover abgeholt, weil er deiner wieder überdrüssig wurde? Wie oft hatte ich dich in jungen Jahren vor deinem Zuhälter beschützt? Also sag mir nicht, ich sei nie ernsthaft.»
«Ich war nie eine Nutte! Du fieses Stück Scheisse!»
«Ich weiss, ich weiss… Also sag mir, meine Schöne, wie viel Geld fehlt dir?»
Stille. Ihre Augen werden feucht. Ein beschämter Blick in meine Richtung und als ich die erste Träne langsam kullern sehe, wendet sie sich ab. Mit dem Ärmel die Augen abwischend, stottert sie leise vor sich hin: «160'000 fehlen mir.»
«Wiederhol das bitte! Hundertsechzigtausend?! Ich glaube ich habe mich verhört?!», platzt es aus mir raus. Ich kann nicht anders. Das sind mehr als drei meiner Jahreslöhne, wie kann sie eine solche Summe an Schulden anhäufen? Ich versteh die Welt nicht.
«Wie zum Geier, hast du einen solchen Schuldenberg hingekriegt? Erklär mir das? Und wieso steht der Laden noch und wieso stehst du noch hier und liegst nicht bei den Fischen auf dem Grund irgendeines Sees?!»
«HANS! Ich weiss es doch auch nicht, er hat von Steuerschulden des Vorpächters gesprochen oder sowas! Aber ich glaub ihm das nicht wirklich. Ich konnt ihm gefällig werden, da hat er mir gegenüber immer wieder ein Auge zugedrückt…», schluchzend läuft sie hinter der Bar Richtung Lager und verschwindet.
«Der Hurensohn hat sie benutzt. Nur schon das ist eine Straftat. Der sollte in seine tote Mutter zurückgeboxt werden, verfluchte Krähe.»
Ich stehe auf. Meine Beine zittern. Meine Hände zittern. Wut kocht auf, aus meinen Untiefen. Komisch, doch irgendwie Gefühle für andere in sich zu entdecken. Aber Stefania ist wichtig. Sie ist liebevoll und würde niemandem Schlechtes wollen. Das geht so nicht. Sie wird doppelt ausgenutzt. Das muss aufhören.
Ich verlasse die Bar. Das ist zu trostlos. Zieht mich runter. Wie alles und jeder. Die Menschheit ist zum kotzen, wortwörtlich. Ich könnt jedem den Mittelfinger zwischen die Augen bohren - aber direkt durch die Nase ins Hirn. Ich wandere los. Gedankenversunken. Erste Gasse links, dann die Strasse runter. Es muss einen Weg geben wie man Stefania helfen könnte.
Am Quartier beim Kanal. Noch so eine stinkende Ecke dieser Stadt. Entweder versifft von Junkies oder die Snobster-Wixer, die sich hinter ihren hohen Zäunen und Überwachungskameras verstecken, weil wir ausserhalb davon ja irgendwie ansteckend sein könnten.
«Scheisse Jarko. Wo wohnst du in dieser gottverlassenen Gosse?!», schreie ich halblaut heraus.
«Jarko du suchen? War gerade hier. Ist in die Minimarkt an Allfacherstrasse.», sagt mir ein quadratschädliger, aber hilfsbereiter Bewohner des Ostens unseres ach so herrlichen Kontinents, der mich offenbar schon seit längerem beobachtet. Hab ich meinen Hosenstall offen oder weshalb sollte mich jemand beachten? Spielt keine Rolle, das Glück scheint mir einmal zugewandt.
«Danke, mein Liebster. Gesegnet sei dein Tag und dein weiterer Pfad. Möge Herr Satan deinen Feinden Impotenz schenken.», kichere ich, als ich davontrabe.
Minimarkt. Allfacherstrasse. Ich warte gegenüber. Jarko kann ja nicht den ganzen Laden leer kaufen. Aber so lange wie ich hier bereits stehe, macht es den Anschein. Der Junge hat viele Talente. Zeit lassen ist eines davon. Wer ist freiwillig 45 Minuten in einem scheiss Minimarkt? Gibts da irgendwie Blowjobs im Lager?
«Gibts da Blowjobs im Lager? Wäre interessant herauszufinden.», frage ich mich das gerade wirklich laut? Ich bin verdorben bis auf die Knochen.
Aber da kommt er endlich. Verdammtes Aas. Aber noch ist er nicht komplett zerkaut, er hat also noch einen Nutzen.
«Bratislava mein Junge!» schreie ich keuchend, als ich mich sputen muss um nicht von einem wildgewordenen LKW-Fahrer im Schritttempo überrollt zu werden.
«Hey! Hallo Hans. Schön dich sehen.», ruft mir Jarko zu.
«Jajaja, lass die Floskeln. Hör zu. Ich brauche deine Hilfe.»
Ein Lächeln, zwei grosse Augen und diese Flügelohren. Kräftige Statur, Kraft wie ein Bär. Das perfekte Bauernopfer.
Ich ziehe ihn am Oberarm in Richtung Heideplatz. Dort gabs mal die Astra-Bar. Vielleicht hab ich ja Glück und feiere ein Revival.
Tür auf, Jarko reinschieben, zwei Finger Richtung Bar und hinsetzen.
«Hans, was sein? Ich verstehe nicht…», stammelt der Arme vor sich hin.
«Gut ich erklär es nochmals. Aber lass mich zuerst nochmal bestellen. Vom vielen Quatschen krieg ich einen trockenen Hals. Willst du auch was?», mein genervter Unterton drückt durch.
«Kamilletee.»
«Dein Ernst? Nicht, dass dir dann dein Pimmel abfällt. Aber gut. Kamillentee soll es sein», sag ich, als ich zur Bar stampfe.
Bestellt und serviert.
«Also, hör mir zu. Gut zuhören. Ich sags nochmals, extra langsaaaaam.»
«Stefania, Freundin von mir, von Hans. Probleme. Geldprobleme. Arschloch-Vermieter. Der muss weg. Überfahren, in Teppich rollen, in Kanal schmeissen. Alles klar?»
Ein Lächeln, zwei grosse Augen und zuckende Flügelohren. Er versucht meine Worte einzuordnen. Ich kann es förmlich sehen, wie in seinem Kopf alles nach Flucht schreit.
Aber es bleibt ruhig. Zu lange ruhig für meinen Geschmack. Was kann so schwierig sein, das zu verstehen?
Dann wird sein Blick streng. Regelrecht kalt. Er fragt, ob es ein Witz sei. Ich verneine.
Wieder diese Ruhe.
«Vladi kennt jemanden. Ich komme Montag zu dir. Bei Arbeit. Kaffeepause.», sagt er beiläufig, während er aufsteht, seinen Tee in einem Zug runterzieht und dann aus der Tür verschwindet.
«Ich glaub mich tritt ein Pferd. Was war denn das gerade?», murmle ich vor mich hin. Hier kommen offenbar neue Gesichter einer Person zum Vorschein.
Während ich zahle, weil ich hier nicht die Zeche prellen kann wie bei Stefania und der Typ an der Bar echt nicht nach Spass aussieht, geht mir eine kleine Sorge durch den Kopf.
«Hab ich hier was ins Rollen gebracht, das ich bereuen könnte?»
Unmöglich, muss ich mir einreden. Der Hurensohn hats verdient verdroschen zu werden.
Das Wochenende war die Hölle. Nicht zu wissen was passiert - ob was passiert.
Nicht zu wissen ob es funktioniert oder komplett in die Hose geht.
Ich bin kein Kontrollfreak, dafür geb ich zu sehr einen Scheiss auf alles.
Aber hier scheints keine Spielerei mehr zu sein. Vermutlich stechen sie ihm seine Reifen auf und verfolgen ihn im Dunkeln ein wenig. Mit ner kleinen Notiz, dass er Stefania die Schulden erlassen soll. Ob das auch reichen mag.
Mein Montagmorgen könnte nicht schlimmer sein. Ich war praktisch durchgehend wach. Hätt ich doch Jarkos Nummer, könnt ich ihn anrufen und nachfragen. Aber ich weiss ja nicht mal wo er genau wohnt, geschweige denn ob er ein Handy oder ein Telefon besitzt.
Der Gang zur Arbeit wird zur Tortur.
Die ersten Stunden sind eine Qual. Jarko schneidet mich.
Dann verschwindet er, wie ein Geist.
Die Kaffeepause verbringe ich alleine. Ist mir recht, ich will mit niemandem reden.
Doch das Getuschel steigert sich in Aufgeregtheit, als zwei Polizisten die Betriebshalle betreten.
Direkt auf mich zukommen.
«Wir suchen einen Jarko Kedemalski. Man hat uns gesagt, Sie seien sein Linienmitarbeiter. Wo ist er?»
«Ich hätte ihn heute gut gebrauchen können. Wenn Sie die Schwuchtel also finden, sagen Sie ihm, dass ich ihm eine reindrücke, dafür dass er mich am Montagmorgen im Stich gelassen hat!», schreie ich, während ich davonlaufe.
Ich bin keine Ratte. Aber das ist übel. Mir wird schlecht und ich kotze in den nächsten Eimer den ich finde.
Ekel ist genial. Angst ebenso. Meine kleine Kotzaktion hat die Bullen vertrieben, die anderen in der Halle auf die Palme getrieben und meinen Führer dazu veranlasst mich nach Hause zu schicken.
Direkt zu Stefania. Ich muss wissen was los ist.
Die Zigaretten fordern ihren Tribut, als ich keuchend und fast nochmals kotzend durch die Strassen hetze.
Die rettende Tür des Hammels endlich in Sicht.
«Hans! Was hast du gemacht? Die Polizei war hier. Danach kamen Martins zwielichtige Schränke und wollten wissen was ich am Wochenende gemacht habe.»
«Ich hab nichts gemacht. Ich hab nur nach einer Lösung gesucht.», versuche ich mich zu verteidigen.
«Mein Vermieter ist verschwunden Hans. Die beiden Typen wollen mir an die Gurgel wenn ich ihn nicht rausrücke.»
«Verfickte Scheisse. Jarko was hast du gemacht.», rutscht es mir raus.
«Jarko? Was für ein Jarko?»
«Mach dir keine Sorgen meine Schöne. Dein Problem sollte das nicht sein. Ich regle das.», sage ich, trinke aus und gehe.
Allfacherstrasse. Ich muss dorthin.